Stern über der Mauer

von Hans-Georg Noack

Ein Mann beschloß, sich nicht mehr um das Wetter zu kümmern. Er starb an einer Lungenentzündung, denn das Wetter verschonte ihn nicht. Ein Mann beschloß, sich nicht mehr um Politik zu kümmern, und das war auch nicht gescheiter. Manchen Dingen kann man nicht ausweichen, weil sie zum Leben gehören.
Die Familie Weber, deren Erlebnisse in den Jahren 1932 -1961 Hans.Georg Noack in seinem neuen Buch erzählt, hat es deutlich erfahren: das Zeitgeschehen spielt sich nicht auf einer Bühne ab, vor der man als Zuschauer sitzen kann. Alle sind beteiligt: handelnd, duldend, schuldig oder ohnmächtig. Als der fünfzehnjährige Klaus Weber aus der Ostzone geflohen ist, beschuldigt er seinen Großvater durch sein Verhalten in der Vergangenheit mitschuldig an den Verhältnissen der Gegenwart zu sein. Aber es geht ihm wie den meisten jungen Menschen: er kennt die Vergangenheit nicht, die er doch beurteilen muß, wenn er die Gegenwart richtig deuten will.
Die Aufzeichnungen seines Onkels lassen ihn den Weg seiner Familie seit 1932 nacherleben. Nicht die großen Ereignisse der Zeit werden beschrieben, sondern nur das Leben einer Handvoll Menschen, das durch sie gezeichnet wurde.
Will man das abgegriffene Wort gebrauchen, so beschäftigt sich das Buch mit der „unbewältigten Vergangenheit“. Aber es läßt den Leser zugleich erkennen, daß alle Rückschau nicht gehalten wird, um alte Wunden niemals heilen zu lassen. Der Blick in die Vergangenheit ist nicht Selbstzweck: er soll die Augen schärfen für den Blick auf die unbewältigte Gegenwart.
Es reicht heute nicht aus, gegen Hitler zu sein; denn das ist selbstverständlich. Gegen die Gewalt gilt es aufzustehen, ob sie sich nun in einen braunen, ob in einen roten Mantel hüllt.
Der Autor versteht es, in knappen, phrasenlosen Szenen am einzelnen das allgemeine Schicksal lebendig werden zu lassen. In einer packenden Erzählweise bietet er kein Lehrbuch der Zeitgeschichte, sondern einen echten Erlebnisbericht. Aber wer ihn gelesen hat, der spürt etwas von der Not, der Gefahr und den Folgen einer Zeit, die unsere jungen Menschen nicht mehr bewußt erlebt haben, und ohne deren Kenntnis sie doch keinen festen Standort im Geschehen unserer Tage finden können.
Buchausstattung: Fritz Arnold
(Quelle: Klappentext)

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